La Vita Seconda - Das zweite Leben
Leseprobe

La Vita Seconda ... La Vita Seconda
Das zweite Leben

Roman von Charlotte Zeiler

Bei amazon.de kaufen ... Bei amazon.de kaufen ...


Erde: Neubeginn, Wachsen, Fruchtbarkeit, Sinnlichkeit,
Körper, Natur, Geburt, Schutz…

Wenn die Seele von dort hierher kommt,
vergisst sie das, was sie dort geschaut hat,
wenn sie aber diese Welt verlässt,
erinnert sie sich dessen, was sie hier erlebt hat.

Aristoteles, griech. Philosoph
[384-322 v. Chr.]



PROLOG
Eine Stunde, bevor ihr Dienst im Krankenhaus begann, machte sie sich auf den Weg. Kaum im Auto, drehte sie das Radio an und öffnete alle Fenster. Leise summte sie die Melodie mit, während sie die Landstraße Richtung Stadt fuhr. Ein frischer Fahrtwind wehte durch ihren Wagen und zerzauste ihre langen Haare. Später im Dienst würde sie die zu einem Zopf binden. Bekleidet war sie mit einem luftigen Top und kurzem Rock, da das Thermometer schon heute Vormittag 25 Grad angezeigt hatte. Sie schob sich die Sonnenbrille auf die Nase und musste lächeln. Die Sonne, die Wärme, die Autofahrt - alles erinnerte sie an ihren letzten Urlaub. Die Strecke verwandelte sich in die Küstenstraße von Genua nach Florenz. Ihr uraltes Auto war jetzt das schnittige Cabrio, das sie sich gemeinsam mit einer Freundin gemietet hatte. Der ganze Sommer lag wieder vor ihnen. Sie würden lange Strandspaziergänge machen, nachts nackt im Meer baden, am Lagerfeuer sitzen, in die Tavernen gehen...
  Der Weg führte sie an leuchtend gelben Rapsfeldern vorbei. Erntehelfer arbeiteten mit freiem Oberkörper. Sie schienen aus einer anderen Welt zu kommen, genau wie das kleine Schlösschen da hinten am Rande der Pferdekoppel. Die schmale Straße weitete sich zur Allee. Die Bäume waren alt und hoch gewachsen. Ihr dichtes Blätterwerk ließ nur selten einen Sonnenstrahl durch das Grün fallen. Gleich würde sie in einen Tunnel aus Bäumen und Baumkronen hineinfahren. Hinter der nächsten Biegung könnte sie das Krankenhaus sehen. Sie fröstelte plötzlich.


1. Kapitel
„He! James Dean, wir sind da.“
  „Ach du heilige ...“ Weiter kam der junge Rettungssanitäter nicht, als er den Audi mit quietschenden Reifen wenige Meter vor der Unfallstelle zum Stehen brachte. Der neben ihm sitzende Notarzt schüttelte nur den Kopf. Ihm stand jetzt nicht der Sinn danach, den rasenden Heißsporn in die Schranken zu weisen, sondern er versuchte, sich einen Überblick von der Situation zu verschaffen. Die Leitstelle hatte Recht behalten. Sie waren tatsächlich die Ersten, aber nicht unbedingt vorbereitet auf das, was sie hier erwartete. Für einen kurzen Moment wünschte sich Mark, dass er doch seinen Urlaub angetreten und nicht den Zusatzdienst als Notarzt angenommen hätte.
  Die Straße war übersät mit verbogenen Autoteilen, Glassplittern, Astwerk und Blättern, die wie von einem Wirbelsturm von den Bäumen gefegt worden waren. Mitten in dem Chaos stand ein verbeulter LKW. Doch das wirklich Dramatische und Desillusionierende war die gespenstische Stille, die über dem Szenario lag.
  Nichts regte sich. Der Ast, der spitz aus der Fahrerkabine des Vierzigtonners herausragte, schien fest und unbeweglich in seiner widernatürlichen Stellung verankert zu sein. Mark war der Erste oben an der Kabine. Obwohl der Fahrer zweifellos tot war, überprüfte er sorgfältig die Vitalzeichen. Gefasst kletterte er hinunter, während weitere Einsatzkräfte den Unfallort erreichten. Noch im Hinunterhangeln vernahm Mark ein seltsames Geräusch. Er hob den Arm zum Zeichen, dass er eine Entdeckung gemacht hatte.
  Und tatsächlich. Da war es wieder – ein Wimmern. Er ging in die Hocke und sah das gesamte Ausmaß der Katastrophe. „Daniel! Schnell! Den Koffer!“ Mark winkte den bleich gewordenen Assistenten zu sich und mobilisierte gleichzeitig die anderen Rettungskräfte. Der Kleinwagen war fast völlig unter dem LKW verschwunden. Kein Mensch konnte solch einen Crash überleben. Doch zwischen dem eingedrückten Dach und Überresten des Innenraumes sah Mark jemanden aufrecht sitzen. Unmöglich, doch die Frau schien beim Aufprall regelrecht in die Rückenlehne hineingepresst worden zu sein und saß nun eingeklemmt und regungslos in dem fast intakten Autositz.
  Er kroch näher an sie heran.
  „Bewegen Sie sich nicht! Ich komme zu Ihnen und hole Sie da raus!“ Er sprach ununterbrochen mit ihr und stellte all seine üblichen, standardisierten Fragen, doch als sie tatsächlich reagierte, war er für einen Moment verblüfft. Er atmete tief durch und fasste ihre Hand. Der Puls war schwach und kaum tastbar. Sie hatte eigentlich keine Chance. Mit einem Blick versuchte er auszumachen, ob noch weitere Insassen im Auto gewesen waren, doch wenn es so war, mussten sie tot sein. Die Frau hatte viel Glück gehabt, aber wenn er sie nicht bald herausbekam, in eine andere, stabilere Position, dann wäre er der Letzte, der ihre Hand hielt.
  Die Jungs gaben alles. Mit Flex, Bolzenschneidern und Hydraulikscheren versuchten sie fieberhaft, einen Weg zu bahnen, während er fast blind eine Vene ertastete und einen Zugang legte. Ihre Hand zuckte, doch er hielt sie fest. Die rosa Nadel war die einzige Lebensversicherung, die sie noch hatte.
  Weder das rhythmische Vibrieren der Hydraulikkolben noch die flackernden Einsatzlichter der Rettungsfahrzeuge und auch nicht der feine Sprühnebel der Löschkanone hielten ihn davon ab, dicht bei der Frau zu bleiben. Mit seiner freien Hand hielt er ihr eine Sauerstoffmaske vors Gesicht, doch der Zustand der Frau verschlechterte sich von Minute zu Minute.
  Noch zögerte er, ihr das Schmerzmittel zu spritzen. Es wäre ein Leichtes für ihn, das hoch dosierte und schnell wirksame Medikament aus seiner Brusttasche zu nehmen und ihr zu injizieren, doch dann würde augenblicklich ihr Kreislauf zusammenbrechen. In dieser Situation wäre das ihr Todesurteil.
  Der Atem der Frau ging schnell und oberflächlich. Sie hatten keine Zeit mehr.
  "Seid ihr soweit?"
  Statt einer Antwort: Funkenregen und ein lauter Knall. Geschafft! Gemeinsam zogen sie die Verletzte ins Freie.
  Mark hielt ihren Kopf und murmelte auf sie ein. Sie zitterte und versuchte, ihm etwas zu sagen. Er lehnte sich zu ihr und entfernte die Schutzkappe. Dann spritzte er ihr das Schmerzmittel. Ihr Blick wurde leer und sie hörte auf zu atmen.


2. Kapitel
Ich weiß nicht mehr, was es war, aber irgendetwas hatte mich zurückgeholt. Vermutlich war es dieses Geräusch, das immer lauter und eindringlicher wurde. Ich versuchte, es zu ignorieren, jedoch vergeblich, und so öffnete ich vorsichtig meine Augen. Ich saß zusammengekrümmt auf einer staubigen Straße. Alles was ich hörte, klang wie aus weiter Ferne. Dichte Nebelschwaden zogen vorbei und ließen nur erahnen, was mich umgab.
  Dann lichtete sich der Nebel und plötzlich konnte ich dicht vor mir das Gesicht eines Mannes erkennen. Ich erschrak. Doch nicht nur der Fremde machte mir Angst. Es war die Summe all dieser Eindrücke: Die seltsame Umgebung, in der ich mich befand. Der Unrat, die zahlreichen Pferdeäpfel und Misthaufen - hoch aufgeschüttet am Straßenrand. Und auch - nein, vor allem waren es die Worte des Mannes. Nicht, wie er sie aussprach, sondern wie sie sich anhörten. Fremdländisch und sonderbar. Ich verstand nichts und wollte nur weg – nach Hause. Ich versuchte, mich ein wenig aufzurichten, doch schon diese kleine Bewegung gelang mir nicht. Stöhnend fuhr ich zurück. Der Mann beugte sich sofort besorgt zu mir herunter. Mir wurde vor Schmerz schwindelig und schwarz vor Augen.
  Mittlerweile hatte sich der Mann neben mich gehockt und sprach weiter auf mich ein. Irgendwie war seine Zuwendung beruhigend, und ich wagte es, ihn anzuschauen. Nun ja, nicht direkt, aber zumindest in seine Richtung. Mein Blick fiel auf seine Hose. Sie sah kostbar aus, wenn auch etwas verschmutzt. Die vielen bunten Sprenkel auf seiner Beinbekleidung ließen mich irrsinnigerweise lächeln.
  Mitten hinein in diese ziemlich unpassende Geste packte der Mann mich am Arm. Wie elektrisiert zuckte ich zusammen. Mein erschrockener Blick traf ihn wahrscheinlich ebenso unvermittelt wie seiner mich.
  Mein Arm brannte lichterloh – und das, obwohl er seine Hand sofort zurückgezogen hatte. Was ging hier eigentlich vor?
  Endlich gelang es mir, meinen Blick von ihm abzuwenden. Der Himmel verdunkelte sich plötzlich. Ein scharfer Wind zog auf und ließ mich frösteln. Ein bedrohliches und dumpfes Grollen kam immer näher. Gleißend helle Blitze zerschnitten die Nachtschwärze und tauchten die Umgebung in gespenstisches Licht. Überall sah ich jetzt Schatten und Silhouetten, die sich bewegten. Die Bäume schienen immer näher auf mich zuzukommen. Sie streckten ihre Äste tentakelgleich nach mir aus. Ich fürchtete, meine letzte Stunde hätte geschlagen. Angstvoll wich ich zurück, direkt in die Arme des hinter mir knienden Mannes. Ich zitterte und presste mich eng an ihn. Ich wollte nicht sterben. Nicht jetzt, nicht hier und auf keinen Fall allein.
  Der Mann legte mir eine Decke um die Schultern und hielt mich fest. Auch wenn ich seine Worte noch immer nicht verstand, so beruhigte mich seine tiefe, gedämpfte Stimme doch sehr. Je länger ich so dicht bei ihm war, umso mehr verunsicherte mich diese Tatsache.
  Meine Gedanken arbeiteten fieberhaft, aber wie ich es auch drehte und wendete – die einzige vernünftige Erklärung war, dass ich das alles träumen musste. Ich erlebte einen Albtraum und musste versuchen, so schnell wie möglich aufzuwachen.
  Einfacher gesagt als getan, denn so echt, wie der Traum sich anfühlte, wüsste ich nicht, wie ihm zu entfliehen sei. Die körperliche Nähe des Fremden wurde mir wieder gewahr und ich wusste genau, dass ich noch nie so intensiv geträumt hatte. Der männliche Duft, den mein Beschützer verströmte, setzte sich in meiner Nase fest. Doch dann begriff ich, dass diese erdige und moschusartige Note in der Luft unmöglich allein von meinem Retter stammen konnte. Ich hatte mich total verrannt. Es war nicht die Apokalypse, die kurz bevorstand, sondern es waren die Vorboten eines ganz normalen Sommergewitters, die mich in die Arme eines fremden Mannes getrieben hatten. Beschämt machte ich mich aus seiner engen Umarmung frei, als auch schon die ersten Regentropfen platschend auf den ausgetrockneten Boden fielen. Ich versuchte, einzelne Tropfen mit dem Mund aufzufangen. Meine Kehle war wie ausgedörrt und ich schluckte gierig. Es schmeckte köstlich. Der Mann schaute mich besorgt und ein wenig fassungslos an. Verlegen blickte ich weg. Ich benahm mich wie ein Kind. Peinlich berührt wischte ich mir die warmen Tropfen vom Gesicht. Das Wasser schmeckte plötzlich ganz anders, und es hinterließ einen fahlen, rostigen Geschmack im Mund. Angewidert verzog ich das Gesicht. Der Mann sprach unbeirrt weiter auf mich ein, obwohl ich bisher in keiner angemessenen Form reagiert hatte. Nachdenklich blickte ich auf meine Hände, während ich versuchte, etwas von seinen Fragen zu verstehen. Dann sah ich es, noch bevor ich es begreifen konnte. Rot, alles war rot. Langsam ahnte ich den Zusammenhang zwischen meinem Zustand und dem Blut, das an meinen Fingern klebte. Ich hatte mich verletzt und reagierte deshalb so eigenartig. Ich tastete nach einer blutigen Stelle und fand sie an meiner Schläfe. Ich hatte mir den Kopf gestoßen und wusste jetzt, was der Fremde von mir wollte. Dieser Mann wollte mir helfen. In der ganzen Aufgeregtheit war mir entgangen, dass wir zwei gar nicht allein waren. Dutzende weiterer Männer wuselten um uns herum, und es machte den Eindruck, als gehörten sie alle unter das Kommando meines Retters. Sie befolgten ohne zu zögern seine Anweisungen. So erfuhr ich ganz nebenbei seinen Namen:
  Antonio, fast so wie der große römische Feldherr.
  Als ich diesen Namen leise vor mich hin murmelte, wusste ich plötzlich auch, was Antonio von mir wissen wollte. Meinen Namen natürlich. Es war ganz einfach, aber dennoch – er fiel mir nicht ein. Mein Kopf war so leer, dass nicht einmal die kleinste Erinnerung darin hängen geblieben war.
  Doch plötzlich – wie aus dem Nichts – war er wieder da. „Franziska... mein Name ist Franziska!“, flüsterte ich stockend, und ein seltsames Gefühl überkam mich, während ich ihn aussprach. Ich sah, wie Antonios Gesicht sich zu einem Lächeln verzog und er erleichtert seinen Leuten zunickte. Dann ging alles ganz schnell. Ich wurde auf eine Holzpritsche gehoben und Antonio beugte sich zu mir, beinah berührte er mein Gesicht. Diese Nähe machte mich sprachlos, und mein Herz schlug hämmernd gegen den Brustkorb. Sein warmer Atem streifte bereits meine Lippen. Meine Gedanken wirbelten durcheinander. Ich war aufgewühlt und alles begann sich zu drehen, immer schneller. Dann blieb die Zeit stehen.



3. Kapitel
Mia musste sich beeilen und die letzten Meter zu ihrer Station im hinteren Trakt des großen Hauses laufen. Sie durchquerte die belebte Empfangshalle und ging durch mehrere Gänge und Schleusen, bis sie endlich in der stationseigenen Umkleidekabine angekommen war. Rasch schlüpfte sie in eine himmelblaue Garnitur der Dienstkleidung. Obwohl sie zu Hause kalt geduscht hatte, schwitzte sie schon wieder. Draußen waren es mittlerweile an die 30 Grad und die alte Klimaanlage des Krankenhauses schaffte es schon lange nicht mehr, die Temperatur zu regulieren. Im Winter war es stets zu kalt und im Sommer wurde die warme Luft nur umgewälzt. Sehnsüchtig wünschte sie sich in den Urlaub zurück, während sie dem ausgelassenen Stimmengewirr in die Küche folgte.
  Die Dienstübergabe an die Spätschicht hatte noch nicht begonnen. Erleichtert setzte sie sich neben Lizzy, die ihr bereitwillig auf der hölzernen Eckbank Platz machte. Das Gespräch drehte sich um das Fußballspiel ihres Sohnes am gestrigen Sonntag. Mia mochte Lizzy. Ihr hatte sie es zu verdanken, dass sie überhaupt noch auf dieser Station arbeitete. Vor einem Jahr, als Mia hier angefangen hatte, war das noch ziemlich ungewiss gewesen. Frisch examiniert und ohne Vorstellung, was auf sie zukommen würde, hatte sie sich für die Intensivstation beworben. Eine besonders schwere Form von Selbstüberschätzung, wie Mia schnell feststellen musste. Dabei war sie es nicht einmal selbst gewesen, die auf diesen absurden Gedanken gekommen war. Nein, eigentlich waren es ihre Schulleiterin und Mark, die sie mehr oder weniger überredet hatten. Doch Mias gute Examensnoten konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie kaum Ahnung von der Arbeit hier hatte. Ihr fehlte es an Praxis und vor allem an Erfahrung. Viele ihrer jetzigen Kollegen hatten sogar eine spezielle Ausbildung, um hier arbeiten zu können. Sie hatte nichts dergleichen vorzuweisen, und so waren die ersten Tage die Hölle für sie gewesen. Der ständige Alarm der Monitore, das Piepsen der Geräte, die zahlreichen Medikamente, deren Wirkung und Nebenwirkungen ihr noch nicht geläufig waren, die verschiedenen kompliziert aussehenden Geräte, die von ihren Kollegen scheinbar mühelos und ohne nachzudenken bedient, auf- und abgerüstet wurden. Therapie- und Diagnostikmethoden, die sie bald schon alleine vorbereiten und bei denen sie selbstständig assistieren sollte. Der permanente Zeitdruck und die Anspannung, unter der sie litt, weil sich die meisten Notfälle eben nicht vorhersehen ließen und kaum planbar waren. Die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen und Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden, denn Unwichtiges gab es hier nicht. Das Gefühl, einen Patienten im Stich zu lassen, während man dem anderen half.
  Das alles ließ sie verzweifeln. Mehr als einmal wollte sie alles hinschmeißen.
  Doch dann wurde ihr Lizzy als Mentorin zugeteilt. Und so unglaublich es klingen mag: Ab diesem Tag wurde es besser. Lizzy hatte nicht nur ein enormes Fachwissen, sie hatte auch die Fähigkeit, ihr dieses geduldig und verständlich zu vermitteln. Mit jedem Tag erschlossen sich Mia mehr und mehr die verschiedensten Zusammenhänge, sie überwand ihre Furcht, wurde sicherer und die Arbeit machte erstmals wieder Freude. Doch heute kam das Gefühl der Unsicherheit zurück.
  Neben den Patienten, die sie obligatorisch zu versorgen hatte und von denen einer noch im OP war, wurde sie für den Reanimationsraum eingeteilt, den anstrengendsten, herausforderndsten Job auf der Station. In diesem doppeldeutig „Schockraum“ genannten Bereich landeten akut instabile Patienten von Normalstationen oder aber Notfälle von „draußen“ zur sofortigen Behandlung. Bis jetzt hatte Mia sich jedes Mal gedrückt, aus Angst, etwas Falsches zu tun oder zu langsam zu reagieren, wenn es um diese lebensbedrohlichen Fälle ging. Aber in letzter Zeit sorgte Lizzy immer öfter dafür, dass ihr Schützling gerade dorthin eingeteilt wurde. Learning by doing, wie sie zu sagen pflegte.
  Nachdem Mia sich bei ihrem ersten Patienten vorgestellt und auf sein Krankenblatt geschaut hatte, war ihr klar geworden, dass dies eindeutig nicht ihr Tag war. Sie wollte doch keine Patienten von Oliver übernehmen, und Herr Schubert gehörte eindeutig zu dessen Zuständigkeitsbereich. Während der ältere Herr sich über die erfolgreiche Öffnung seiner verengten Herzkranzgefäße freute und der Mitteilung entgegenfieberte, seinen Infarkt glimpflich überstanden zu haben, wollte Mia dem Überbringer dieser Botschaft am liebsten nicht begegnen.
  Seit fast drei Monaten, genau seit dem Zeitpunkt, als Oliver hier als kardiologischer Stationsarzt angefangen hatte, versuchte sie ihm möglichst aus dem Weg zu gehen. Meist gelang es ihr. Auch weil es noch immer viele Kolleginnen gab, die sich regelrecht um die Betreuung seiner Patienten stritten.
  Dabei war Oliver gar nicht der coole Draufgänger und Charmeur, der er nach Meinung einiger in der Uniklinik gewesen sein musste. Dennoch waren sich alle in einem Punkt einig: dass seine Anwesenheit hier ein absoluter Glücksgriff für das Hospital war. Selbst Lizzy schloss sich dieser Meinung an, obwohl sie ausschließlich seine Fachkompetenz und Freundlichkeit beurteilte und den Glücksgriff nicht im Geringsten mit Olivers gutem Aussehen in Verbindung brachte.
  Und er sah wirklich verdammt gut aus. Mia konnte gar nicht verstehen, wie sie ihn damals beim Karneval für schwul halten konnte. Mia biss sich auf die Lippen. Sie wollte nicht mehr daran denken und die peinliche Episode am liebsten aus ihrem Gedächtnis streichen. Wer war schon so blöd und verlor ausgerechnet an Karneval sein Herz?
  Seufzend klappte Mia die Kladde mit den Unterlagen zusammen und verabschiedete sich für den Augenblick von Herrn Schubert. Sollte er ruhig auf seinen „Doc“ warten, während sie versuchte, selbigen aus ihren Gedanken zu vertreiben. Zum Glück war sie damals kostümiert gewesen. Ihre eigene Mutter hätte sie in dem engen Fummel nicht erkannt.
  Dennoch glaubte sie jedes Mal im Boden versinken zu müssen, wenn Oliver nun mit ihr sprach. Er war freundlich, wie zu jedem anderen Mitarbeiter auch, aber sein Blick irritierte und verunsicherte sie stets aufs Neue, und das, obwohl diese Gespräche immer nur dienstlich und nie persönlich waren.
  Sie wollte ihn heute auf keinen Fall in ihrer Nähe wissen. Sie wusste, was zu tun war. Möglichkeiten gab es genug. Und da war auch schon ihre Rettung – Lizzy rief nach ihr.
  Zu früh gefreut: Die Leitstelle hatte sich gemeldet. Ein Notfall von draußen. Heute ging wirklich alles schief!


4. Kapitel
Ich erwachte in einem breiten Holzbett. Verschlafen blickte ich mich um. Wo war ich hier? Träumte ich etwa immer noch? Mein Kopf schmerzte fürchterlich und ich spürte das Blut in meinen Adern pulsieren. Doch erst als meine Fingerspitzen die geschwollene Schläfe berührten, erinnerte ich mich wieder an den gestrigen Tag. Nervös fuhr ich mir über die spröden Lippen und blickte mich in dem großen, vornehmen Zimmer um. Während ich noch rätselte, wo der Mann mich hingebracht hatte, wurde eine schwere Tür geöffnet, und eine junge Frau trat herein. Sie trug etwas Dunkles, Grobgewebtes, einer Ordenstracht gleich, stellte sich aber als Bedienstete namens Elisabeth und nicht als Nonne vor. Folglich war ich nicht in einem Kloster, sondern einem – wie ich bisher sehen konnte – ganz ansehnlichen Haushalt untergekommen. Ich bekam von der jungen Frau eine Schale mit Flüssigkeit gereicht, die ich dankbar annahm und austrank. Ich lehnte mich auf das weiche Kissen und fand Zeit, mich umzuschauen. Durch die großen Fenster sah ich einen Baum, in dessen Blättern der Wind spielte.
  Ich war so in meine Beobachtung vertieft, dass ich nicht hörte, wie die Tür erneut geöffnet wurde. Erst als zwei junge Männer direkt vor meinem Bett standen, schreckte ich hoch. Ich war nur durch eine dünne Decke vor ihren Blicken geschützt, doch sie schienen mich zu ignorieren. Sie standen wenige Fuß von mir entfernt und unterhielten sich so angeregt miteinander, dass ich schon dachte, ich wäre ein Geist und gar nicht vorhanden.
  Als sie endlich auf mich eingingen, wünschte ich mir augenblicklich, ich wäre wirklich unsichtbar, denn einer der beiden war Antonio, mein Retter. Der andere stellte sich als mein Gastgeber Wilhelm vor und hieß mich im Hause seiner Familie willkommen. Er nickte mir dabei freundlich zu und klopfte gleichzeitig Antonio jovial auf die Schultern. Mit konzentrierter Miene trat er an das Bett heran.
  Nicht, dass es mir nicht völlig genügt hätte, die Bekanntschaft zweier Männer zu machen, vermutlich sogar von Adel. Nein, es musste ausgerechnet in einem Schlafzimmer passieren und ich hatte in einem Bett zu liegen, über das sich jetzt Antonio zu mir hinunterbeugte. Wie unangenehm und peinlich.
  Er berührte kurz meine Stirn und strich die Haare vorsichtig zur Seite. Ich verschluckte mich fast beim Versuch, seinen Gruß zu erwidern. Glücklicherweise schien er nicht zu bemerken, wie aufgelöst ich seinetwegen war. Möglicherweise wurde er auch nur abgelenkt, weil ein weiteres Dienstmädchen zu uns hereintrat.
  So konnte ich unbeobachtet meine aus dem Takt geratene Atmung wieder in Ordnung bringen. Dann hatte ich mich wieder unter Kontrolle.
  Alle hatten plötzlich zu tun. Die eine Bedienstete kümmerte sich um die Wäsche und die andere machte sich an der schweren Truhe zu schaffen. Eine gute Gelegenheit für mich, der Unterhaltung von Antonio und Wilhelm zu lauschen. Ich spitzte die Ohren, hörte aber nur Wortfetzen.
  Die Männer standen entspannt beieinander, lachten zwischendurch rau und verhalten, und von Zeit zu Zeit sah ich einen bekräftigenden Schlag auf die Schulter.
  Ich konnte unmöglich der Grund für diese freundschaftliche Konversation sein, stellte ich mit Bedauern fest, und so blieb mir nur der sehnsüchtige Blick des Außenseiters.
  Mein Retter überragte seinen jungen Freund um etwas mehr als einen halben Kopf und sah in seiner französischen Kleidung ausgesprochen männlich aus. Wegen seiner dunklen Haare kleideten ihn die farbenprächtigen Stoffe sogar noch ein bisschen besser als seinen dunkelblonden Freund. Antonio hatte etwas Rebellisches und Verwegenes an sich, wie er da groß und stattlich stand.
  Mitten in meinen deplatzierten Gedanken stutzte ich. Hatte Antonio nicht die gleichen Sachen wie gestern an? Die Sprenkel waren gut zu sehen. Hatte ich etwa noch gar keine Nacht hier verbracht? Mir fehlte jedes Zeit- und Raumgefühl. Kein Wunder, wenn ich nur an ihn dachte und mir irgendetwas zusammenphantasierte. Ich sollte mich endlich mit wichtigeren Dingen beschäftigen.
  Mein Blick fiel auf das junge Mädchen, das gerade Wasser in eine Emailschüssel goss, während Elisabeth die Männer nach draußen schickte. Erst jetzt wurde mir klar, dass auch ich immer noch meine nassen und verschmutzten Kleider trug. Seltsam. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie ich aussah und was für einen Eindruck ich bei den beiden hinterlassen hatte. War ich am Ende doch Inhalt ihres belustigten Gesprächs und Auslöser ihrer Schulterklopfer? Ich schämte mich und ließ wort- und klaglos die Reinigungsprozedur über mich ergehen.
  Das lauwarme Wasser tat gut, und die Kräuterbeigaben zeigten bereits ihre Wirkung, so dass ich mich nach dem Waschen fast wie neugeboren fühlte. Elisabeth reichte mir ein frisches Unterkleid, Spiegel und Bürste. Ich griff zum Spiegel, und das wohlige Gefühl verschwand. Ich erblickte ein schmales, blasses und von langen Haaren umrahmtes Gesicht, mit großen fragenden Augen. Ich ließ den Spiegel sinken und mein Herzschlag stockte. Ich erkannte mich selbst nicht wieder. War so etwas überhaupt möglich, dass man sich selbst vergaß? Welches Spiel wurde hier gespielt?
  Skeptisch schaute ich die Rückseite des Spiegels an. Doch es war ein ganz normaler Spiegel. Mechanisch kämmte ich die verknoteten Haare und überlegte angestrengt, wie ich aus diesem Albtraum entkommen konnte ...